Group-Flex: Wie sich individuelles Lerntempo und kollaboratives Lernen verbinden lassen

10. August 2026

Wie ermöglicht man Studierenden ein flexibleres Lerntempo beim Erlernen des Stoffes, ohne gleichzeitig kollaborative Elemente wegzulassen? Diese Frage habe ich mir gestellt und mich auf die Suche nach einer Lösung gemacht.

Im Blended Learning gibt es verschiedene Ansätze. Beim Rotationsmodell, auch Flipped Classroom genannt, bereiten die Studierenden den Stoff zu Hause mit den zur Verfügung gestellten Materialien vor. In der Präsenzveranstaltung wird das Gelernte anschliessend angewendet. Diesen Ansatz verwende ich schon seit mehreren Jahren, und er funktioniert relativ gut. Allerdings hat er den Nachteil, dass alle Studierenden den Stoff mehr oder weniger im gleichen Tempo lernen müssen. Von der Präsenzveranstaltung können die Studierenden zudem nur wirklich profitieren, wenn sie vorbereitet erscheinen. Kommt ein Student oder eine Studentin zeitlich nicht mit dem Stoff nach, erscheint er oder sie häufig irgendwann nicht mehr im Unterricht. Das ist insbesondere in Kursen problematisch, in denen der Stoff aufeinander aufbaut, wie beispielsweise in meinem Masterseminar «Webentwicklung und Datenvisualisierung».

Ein weiterer Ansatz ist das Flex-Modell. Hier erarbeiten die Studierenden den Stoff in ihrem eigenen Tempo. Eine Präsenzveranstaltung ist nicht vorgesehen, die Dozentin oder der Dozent steht jedoch beispielsweise in Sprechstunden für Fragen zur Verfügung. Der Vorteil dieses Modells besteht darin, dass alle Studierenden den Stoff in ihrem eigenen Tempo bearbeiten und sich ihre Zeit selbst einteilen können. Dafür gibt es in diesem Modell in der Regel kaum Möglichkeiten zur Kollaboration. Bei Onlinekursen steht häufig ein Forum zur Verfügung, in dem die Teilnehmenden Fragen stellen und beantworten können und das damit eine Form der Kollaboration ermöglicht.

Ich habe mir nun die Frage gestellt, ob es eine Möglichkeit gibt, die Vorteile beider Ansätze zu kombinieren. Daraus entstand die Idee des Group-Flex-Modells. Die Idee besteht darin, dass es zu Beginn des Semesters eine gemeinsame Präsenzveranstaltung mit einer Einführung ins Thema und der Bildung von Gruppen gibt. Die Gruppen sollten nach ihrem Zeitplan eingeteilt werden, damit nicht die eine Hälfte der Gruppenmitglieder möglichst viel bereits zu Beginn des Semesters erledigen möchte, während die andere Hälfte alles erst gegen Ende des Semesters bearbeiten will.

Zudem gibt es eine bewertete Gruppenarbeit, damit die Zusammenarbeit in der Gruppe auch Teil des Leistungsnachweises ist. Andernfalls besteht die Gefahr, dass aus dem Group-Flex-Modell letztlich wieder ein Flex-Modell wird, bei dem die Kollaboration keine Rolle mehr spielt.

Da ich acht Teilnehmende in meinem Webentwicklungskurs hatte, habe ich zwei Vierergruppen gebildet. Eine Gruppe wollte möglichst viel bis Ende April erledigen, während die andere Gruppe den grössten Teil der Aufgaben erst im Juni bearbeiten wollte, nachdem einige Teilnehmende ihre Masterarbeit abgegeben hatten.

Die Gruppen durften mich beliebig oft physisch oder online treffen. Allerdings waren zwei physische Treffen obligatorisch: eines zu PHP/WordPress und eines zu JavaScript/D3. Damit wollte ich sicherstellen, dass die komplexeren Themen verstanden wurden. Zudem mussten beide Gruppen nach vier Wochen einen Zeitplan abgeben. Ziel war es, dass sich die Teilnehmenden innerhalb der Gruppe über die zeitliche Planung abstimmten.

In der Kursevaluation zeigte sich, dass die Teilnehmenden grundsätzlich sehr zufrieden mit dem Kurs waren und insbesondere den Flex-Teil sehr schätzten. Beim Group-Teil waren die Ergebnisse hingegen gemischt. Während einige die Gruppenarbeit schätzten, empfanden andere die Gruppengrösse als zu gross, und eine Person hätte am liebsten ganz darauf verzichtet.

Dabei ist anzumerken, dass aus einer Gruppe zwei Personen ausstiegen, weil sie die ECTS-Punkte nicht mehr benötigten. Dadurch wurde aus einer Vierer- letztlich eine Zweiergruppe.

Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten waren gut bis sehr gut. Auch die individuellen Leistungsnachweise fielen gut bis hervorragend aus.

Fazit und mögliche Anpassungen

Insgesamt hat sich das Group-Flex-Modell in diesem ersten Durchlauf bewährt. Die Studierenden konnten ihr Lerntempo weitgehend selbst bestimmen und gleichzeitig von der Zusammenarbeit in der Gruppe profitieren. Besonders der Flex-Teil wurde in der Kursevaluation positiv hervorgehoben. Gleichzeitig hat die Evaluation gezeigt, dass die Gruppenarbeit nicht für alle Studierenden gleich gut funktioniert hat.

Bei einer nächsten Durchführung würde ich deshalb den Studierenden innerhalb der Vierergruppen mehr Freiheit bei der Organisation der Gruppenarbeit geben. Denkbar wäre beispielsweise, dass sie wählen können, ob sie gemeinsam an einem Projekt arbeiten oder die Gruppe in zwei Zweierteams aufteilen und zwei Projekte bearbeiten möchten. Gleichzeitig würde ich die Möglichkeit vorsehen, bei einem Ausstieg aus einem Zweierteam in das andere Team zu wechseln. Damit könnte das Modell flexibler auf unterschiedliche Präferenzen und Veränderungen während des Semesters reagieren, ohne den kollaborativen Charakter des Kurses aufzugeben.